Kathi, 14 Jahre, soziale Ängste

Aktualisiert: 17. Dez 2020




Kathi ist 14 Jahre alt. Sie hat zwei jüngere Geschwister, sieben und vier Jahre alt, ihre Mutter ist alleinerziehend. Zum Vater haben alle drei nur sporadisch Kontakt. Kathis Mutter arbeitet viel und gibt in ihrer Freizeit ihr bestes, um für die Kinder da zu sein. Dass das alles zusammen oft schwer ist, bemerkt Kathi. Immer wieder versichert ihre Mutter, dass sie sich keine Sorgen machen müsse, aber Kathi sorgt sich trotzdem. Sie versucht es ihrer Mama leichter zu machen. Sie schaut auf die jüngeren Geschwister, sagt ihnen, dass sie ruhig sein sollen, wenn sie streiten, macht ihnen zu Essen, wenn Mama noch die Einkäufe erledigt. Kathi selbst versucht unkompliziert zu sein, keine Probleme mit nachhause zu bringen, möglichst wenig zu brauchen. Ihre Mama verlangt das nicht, aber Kathi macht es trotzdem. Sie will nicht noch zusätzlich zur Last fallen.


In der Schule ist Kathi lange Zeit eine gute Schülerin. Ihr Hobby ist das Lesen englischer Bücher. Das hilft ihr im Unterricht. In letzter Zeit werden ihre Noten aber schlechter. Sie kann sich immer öfter nur schwer konzentrieren. In der Nacht schläft sie schlecht. Die Lehrer*innen beginnen Kathi zu fragen, warum sie ihre Hausübungen nicht bringt. Kathi kann darauf nicht antworten. Sie hat wenig Übung im Reden mit Leuten, die nicht zur engsten Familie gehören. Wenn Leute sie ansprechen, beginnen ihre Knie meistens zu zittern, sie beginnt zu schwitzen, ihr Herz zu rasen. Plötzlich schießen ihr so viele Gedanken gleichzeitig durch den Kopf, dass sie keinen klaren mehr fassen kann. Deshalb kann sie nicht antworten.


Kathi war immer schon eher ruhig. Aber am Anfang war es noch nicht so schlimm. Da wurde sie einfach nervös, zittrig und blieb einsilbig. Aber je öfter diese Nervosität über sie kam, desto größer wurde sie. Irgendwann war es keine Nervosität mehr, sondern eine richtige Angst. Eine Angst, die ihr wie ein wütendes Wildtier im Nacken saß. Schließlich war die Angst so groß, dass sie gar nichts mehr sagen konnte.


Mit Gleichaltrigen ist es ähnlich. Die Klassenkamerad*innen, die anfangs noch das Gespräch mit ihr suchen, gewöhnen sich das rasch ab. Sie finden ihre kurzen, knappen Antworten unfreundlich. Und sie denken, dass Kathi wohl uninteressiert, vielleicht sogar eingebildet ist, weil sie sich nie für die Dinge der anderen interessiert, nie Fragen stellt. Sich immer nur mit ihrem Kram, ihren Büchern beschäftigt. Dabei hat Kathi einfach nur Angst. Angst etwas Blödes zu sagen, Angst ausgelacht zu werden, Angst, dass ihre Stimme wieder zittrig werden könnte, Angst, dass sie sich versprechen könnte, Angst, dass den anderen ihre Angst auffallen würde. Wenn sie niemanden anspricht, muss sie zumindest die Angst nicht ertragen und kann nichts falsch machen. So denkt sie zumindest.


Eines Tages ist es so weit. Kathi kann nicht mehr. Sie hat schlecht geschlafen. Die ganze Nacht ist sie wachgelegen und hat gegrübelt, warum sie denn in dieser und jener Situation nicht einfach diese oder jene Antwort gegeben hat. Warum sie wieder nur so doof, wie angewurzelt dagestanden ist. Sie ärgert sich über sich selbst. Maßlos. Ist wütend über sich selbst. Fragt sich, warum um Himmels willen sie sich da so blöd anstellt. Niemand stellt sich so blöd an außer ihr. Sie ist traurig, weil sie ja eigentlich auch dabei sein will. Weil sie ja eigentlich auch mit anderen lachen und ausgelassen sein will. In der Früh wacht Kathi wie gerädert auf. Nur ein Tag, denkt sie. Nur ein Tag, an dem ich mich nicht jeden Tag doof und zittrig und kreidebleich fühlen muss. Nur ein Tag Pause. Kathi kann sich diesen Situationen, in denen sie sich wie eine Versagerin fühlt, nicht mehr aussetzen. Es geht einfach nicht. Heute schafft sie es nicht. Sie steht nicht auf, sie bleibt im Bett. Ihre Mutter gibt ihr bestes, sie aus dem Bett zu holen. Irgendwann gibt sie auf, sie muss die jüngeren Geschwister in Schule und Kindergarten bringen und schleunigst in die Arbeit. Aber am nächsten Tag ist es das gleiche. Kathi will nicht mehr. Sie will und sie kann sich das nicht mehr antun. Sie weiß, sie muss. Sie will ihrer Mutter keine Probleme machen. Aber dieser Gedanke führt in dem Moment nur dazu, dass sie noch weniger kann.

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