Enisa, 14 Jahre, Dissoziative Störung

*Triggerwarnung - Traumafolgen, Fluchterfahrung, dissoziative Symptome* Enisa ist 14 Jahre alt und geht auf ein österreichisches Gymnasium. Seit ihrer Ankunft in Österreich hat Enisa Schmerzen in den Beinen. Anfangs war das vor allem nachts. Mittlerweile sind sie aber so stark, dass sie es kaum noch in die Schule schafft. Und dabei wäre ihr das Lernen so wichtig. Anfangs sagten alle noch, dass die Schmerzen ganz normal seien – typische Wachstumsschmerzen einer Teenagerin. Ihre Mama sagte ihr, dass ihr älterer Bruder das auch gehabt habe. Aber es wurde mehr. Irgendwann plagten sie die Schmerzen den ganzen Tag lang und schließlich wurden sie so stark, dass Enisa das Gehen schwerfiel. Die Beine taten so weh, dass sie nicht mehr gut auftreten konnte. Sie fühlten sich so schwach an, dass sich Enisa kaum noch darauf halten konnte. Etwas besser war es nur in diesen kleinen Glücksmomenten. Wenn sie z.B. im Sommer mit ihrer besten Freundin in den kalten Fluss ging und sie sich gegenseitig mit Wasser bespritzten. Enisa wurde zuerst zum Hausarzt gebracht, dann zur Orthopädin. Darauf folgten viele Untersuchungen im Krankenhaus. Sie wurde überwiesen in eine Spezialeinrichtung für orthopädische Beschwerden. Aber keiner konnte eine Ursache für die Schmerzen finden. Irgendwann sagte ein Arzt, dass es dann wohl „psychisch sei“ und fragte, ob sie in ihrer Vergangenheit Schlimmes erlebt habe. Ja, Enisa hatte Schlimmes erlebt. Das, worüber keiner in der Familie redete. Woran keiner nur zu denken wagte. Besser gesagt, hatte Enisa nichts Schlimmes erlebt. Sie hatte die Hölle erlebt. Fluchthölle. Zuerst den Krieg in Syrien, dann die Flucht nach Europa. Sie konnte nicht sagen, was von den beiden Dingen das Schlimmere gewesen war. Sie hatte ihren älteren Bruder sterben sehen. Sie hatte so viele Leute, die ihr wichtig gewesen waren, verloren. Sie hatte oft tagelange Todesängste durchgestanden. Stunden, in denen sie sicher war, dass es ihre letzten waren. Auf der Flucht hatte sie gesehen, wie eine Gruppe vor ihnen durch Schüsse der Polizei verfolgt wurde. Und dann ist da eine lange Leere. Eine Blackbox. Einige Tage, an die sie keine Erinnerung hat. Enisa weiß nur, dass sie eines Tages an einem anderen Ort aufwachte, aber sie weiß nicht, wie sie dorthin gekommen oder was überhaupt dazwischen passiert ist. Diese Tage fehlen einfach. Sie sind wie wegradiert. In vielen Nächten muss Enisa von ihrer Mama geweckt werden, weil sie im Schlaf bitterlich weint, schreit und um sich schlägt. Es dauert dann einige Zeit, bis sie wieder zu sich kommt. Und meist kann sie sich auch daran dann nicht mehr erinnern. Von den Erinnerungslücken und den „Aussetzern“ im Schlaf erzählt Enisa dem Arzt. Der Arzt diagnostiziert eine dissoziative Störung und verschreibt Traumatherapie. Enisa hat körperliche Schmerzen und seelische. Für beide ist die Ursache eine Wunde der Psyche.


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